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Robert Elsie

Texte und Dokumente zur albanischen Geschichte

   
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Deutscher Historiker Jakob Philipp Fallmerayer (1790-1861), Foto aufgenommen im Jahre 1860.



Deutscher Historiker Jakob
Philipp Fallmerayer (1790-1861),
Foto aufgenommen
im Jahre 1860.
Webdesign J. Groß

1836
Jakob Philipp Fallmerayer:
Die albanische Besiedlung des Peloponnes im Mittelalter

Der in Südtirol geborene Gelehrte Jakob Philipp Fallmerayer (1790-1861) war für die Historiographie des mittelalterlichen Griechenlands ein führender Fachmann seiner Zeit. Insbesondere beschäftigte er sich mit der slawischen und albanischen Einwanderung nach Mittel- und Südgriechenland. Mit seinem zweibändigen Werk “Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters”, Stuttgart 1830 & 1836, verursachte er in philhellenischen Kreisen Aufruhr durch seine umstrittene These, dass Griechenland und insbesondere die Morea (Peloponnes) vorwiegend von hellenisierten Slawen und Albanern und nicht von den Nachkommen der alten Griechen bewohnt war, d. h. dass es zwischen dem alten und dem neuen Griechenland keine ethnische Kontinuität gab. In dem ersten Band des Werkes mit dem provozierenden Untertitel “Untergang des peloponnesischen Hellenen und Wiederbevölkerung des leeren Bodens durch slavische Volksstämme” schrieb Fallmerayer: “Das Geschlecht der Hellenen ist in Europa ausgerottet […] Denn auch nicht ein Tropfen edlen und ungemischten Hellenenblutes fließt in den Adern der christlichen Bevölkerung des heutigen Griechenlands.” Der zweite Band dieses Werkes enthält das folgende Kapitel zur albanischen Einwanderung und Besiedlung des Peloponnes im Mittelalter.

 

Landkarte des Peloponnes (Morea).


Landkarte des Peloponnes (Morea).



Landkarte des Peloponnes (Morea).


Die Albanier, Albanesen, Arnauten oder Schkypetaren, Nomaden von Beschäftigung, saßen ursprünglich in den Gebirgszügen zwischen Macedonien und Thessalien auf der einen, Epirus und der Seeküste von Dyrrhachium auf der andern Seite, so daß sie die Bergthäler sowohl als die nach Macedonien und Illyrien sich abdachenden Vorgebirge mit ihre Heerden und Hütten bedeckten. Unberühmt und ungenannt in den Jahrbüchern der Geschichte theilten sie mit den übrigen Stämmen jener Gegenden das Schicksal, zuerst den Königen von Illyrien, und nach deren Besiegung durch Philipp und Alexander, den Macedoniern Tribut zu bezahlen. Durch Aemilius Paulus den Römern unterthan, blieben sie in ihren Waldthälern unbekannte Viehhirten, während Rom die Welt eroberte und wieder verlor. Die Theilung des Reiches in ein Morgen- und Abendländliches änderte in ihren Verhältnissen nichts, und so lange Constantinopel nur einen Schatten von Macht besaß in jener langen Reihe der Jahrhunderte zwischen Theodosius und Andronicus II, wußte man von diesem Volke nichts zu erzählen, als daß seine Heerden aus den Bergquellen des Pindus trinken, und die hochgebauten und kräftigen Männer, von altherkömmlicher Rohheit gefesselt, ohne sich um die Weltbegebenheiten viel zu kümmern auf den heimatlichen Gebirgen herumirren.

Aus den Beschreibungen des Ptolemäus, Strabo, Plinius u.s.w. kennt jedermann die Landschaft Albania und das Volk der Albanier am Südabhange des Kaukasus zwischen dem kaspischen Meer und dem Kurstrome. Sonderbar genug haben die Albanier in Illyrien mit jenen Bewohnern des Morgenlandes eine auffallende Aehnlichkeit in Sitteneinfalt, Körperbau und Namen. Von beiden gelten im Allgemeinen Strabo’s Worte: κάλλει και μεγέθει διαφέροντες. Die Albanier im Oriente bewohnten Gebirge, und nahe am Gebirge liegende Ebenen, verschmähten den Feldbau, lebten lieber von Viehzucht, von Jagd und Beute, hatten nur wenige und kleine Städte, liebten das Leben in zerstreuten Dörfern und Flecken, und waren im Krieg als Fußgeher gefürchteter und gewandter als zu Pferde.

Findet man diese Merkmale nicht großentheils auch bei den Albaniern des byzantinischen Reiches? Ja, deutet nicht der Name selbst, welchen ihnen die auswärtigen Völker geben, klar genug an, daß sie ein Gebirgsvolk sind? Alban ist ein uraltes Wort der Völker aus Iran, und heißt Bergland, und Albanier sind in der Sprache des alten Morgenlandes nichts anders als Gebirgsvölker, und in zweiter Bedeutung von Natur starke und rüstige Menschen. Eben daher kommen auch die Benennungen Alben, Alpen, Alpes, welche verschiedene Gebirgesgegenden Europa’s in alten und neuen Zeiten getragen haben, und noch tragen. Daher begreift der Ausdruck Alben in den helvetischen und norischen Gebirgen, deren Bewohner sich vorzüglich mit der Viehzucht beschäftigen, die Triften und Sommerweiden auf dem Hochgebirge.

Der klarste Beweis, daß Albanien ursprünglich Bergland bedeute, liegt in dem Umstande, daß die arabischen und europäischen Geographen dasselbe Land am Kaukasus, welches früher Albania hieß, nach dem Untergange der Pehlvi-Sprache und Nationalfreiheit in Iran häufig unter dem Namen Daghestan ( داخسان ) d. i. Gebirgsland in ihren Büchern aufführen.

Aus diesen Gründen mag es auch weniger befremden, daß wir außer dem kaukasischen und macedonischen Albanien auch Gegenden, Städte und Flüsse dieses Namens in den Carnischen Alpen, in den Apeninnen Mittel-Italiens, zu beiden Seiten der Pyrenäen, und sogar in den Hochgebirgen Schottlands finden, welcher ganze Strich in der Vorzeit den Namen Albania trug. Eben deßwegen können wir auch der Meinung des berühmten Herrn von Saint Martin, welcher den Namen Albanier von dem Worte Aghuang, der armenischen Benennung dieses Volkes, herleitet und mit Sanftheit der Sitten erklärt, nciht beistimmen, indem Sanftheit keineswegs ein so vorherrschender Charakterzug der Albanier ist, als wie ihre Wohnsitz und Aufenthalt im Gebirge.

Ob die zur Zeit der großen Völkerwanderung und dann später im dreizehnten Jahrhunderte durch die Tataren vom Kaukasus nach Europa getriebenen Alanen ein und dasselbe Volk mit den alten Albaniern seyen, wie Zonaras behauptet, wollen wir als gleichgültig für unsere Zwecke dahingestellt seyn lassen, obgleich Klaproth nachweis’t, daß diese Alanen gleichfalls in den Gebirgen des alten Albaniens ihren Sitz hatten.

Daß sich die Albanier diesen Namen ursprünglich nicht selbst gegeben, sondern von den umliegenden Völkern erhalten haben, scheint allerdings richtig zu seyn. In Griechenland nennen sie sich Schkypitar, und ihre Sprache Schkypi. Ob es aber auch eine Stadt Skypiche in Albanien am Kaukasus gegeben habe, wie einige Geographen behaupten, scheint nicht erwiesen zu seyn. Jedoch soll durch alle diese Anspielungen zwischen den Albaniern in Illyrien und denen am Kaukasus durchaus keine Folge auf Abstammung der erstern von den letztern hier geltend gemacht werden. Wer kennt nicht das Unsichere solcher Ableitungen aus einigen oder mehreren, manchmal ganz zufälligen Aehnlichkeiten in Körperform, in Sprache und Gebräuchen zweier verschiedenen Völker, besonders wenn die Auswanderung oder Siedelung eines Bruchstückes derselben aller historischen Kunde und Sagenzeit vorausgegangen ist. Denn der erste geschichtliche Lichtstrahl, der auf das unwirthbare Heimathland der europäischen Albanesen fällt, zeigt uns dieses Volk in denselben Sitzen, die es heute noch inne hat. Es ist nichts anders als ein Fragment jenes großen illyrischen Stammes, welcher den ganzen gegen Mitternacht und Abend von Hellas gelegenen Erdstrich mit Einschluß von Macedonien und eines Theiles von Thessalien erfüllte, aber in der Folge allenthalben der griechischen Sitte und den großen Weltstürmen während und nach der Herrschaft Roms bis auf diese schwachen Ueberreste im Hochgebirge erlegen ist. Ihre Sprache, die Spuren aller in jener Weltgegend herrschenden oder eingedrungenen Völker an sich tragend, hat in ihrem Grundwesen weder mit der griechischen, noch mit der lateinischen auch nur die entferneste Aehnlichkeit. Die Krieger des Pyrrhus, der Teuta und des Gentius redeten einst diese Sprache, so wie sie Miaulis und Konturiotis mit den Bewohnern von Böotien, Hydra, Attika und einem großen Theile Morea’s heute noch sprechen. Mehr nähert sie sich der Mundart jenes Volkes, das man heute vorzugsweise Vlachen nennt, welche ihrerseits auch nichts anderes als die Trümmer eines andern Urvolkes sind, welches vor Ausbreitung der griechischen und italischen Weltzerstörer und der verderbenbringenden Ueberzüge der scythischen und keltischen Wanderungen, die Flächen von Thracien und den innern Gebirgsstock des illyrischen Dreieckes bewohnte. Wildheit und Härte scheint allzeit an Gemüthsart und Sitte dieser beiden Völker gehaftet zu haben, so wie völliger Mangel an Kunst- und Schönheitssinn. Ob dieser Mangel im Wesen des albanesischen Volkes liege, und folglich unverbesserlich sey, muß sich jetzt nach wenigen Decennien eigen, da ein Theil desselben nicht nur eine christliche, sondern auch hochgebildete und kunstsinnige Regierung besitzt, und darüber noch vorzüglich jenen Theil des griechischen Bodens bewohnt, der einst die herrlichsten Blüthen des geistigen Lebens und der Kunste getrieben hat.

Südalbanischer Krieger, von Joseph Cartwright, 1822.

Südalbanischer Krieger, von Joseph Cartwright, 1822.



Südalbanischer Krieger,
von Joseph Cartwright, 1822.
Hauptort des Volkes und Sitz des Statthalters im griechischen Albanien heißt bei den Byzantinern Albanopolis, d. i. Albaneser-Stadt. Wie er aber im Munde der albanesischen Viehhirten geheißen habe, ist nicht mehr bekannt.

Bei der Zertrümmerung des griechischen Reiches im Jahre 1204 kam der Bergkanton Albanien unter die Herrschaft der Despoten Michael und Theodor Angelus von Joánnina, Epirus oder Akarnanien, denn alle diese Benennungen führten sie. Unter Michael, ihrem Nachfolger, fielen die Albanesen von Kastoria, unter ihrem Häuptling Gulamos, zu Joannes Vatatzes, Kaiser von Nicäa, ab. Auch das Bergschloß Croja und die übrigen Wohnplätze dieses Volkes im Westen der Gebirge mußten an Nicäa überlassen werden. Kaum war aber Joannes Vatatzes gestorben, (1255) als sie von seinem Nachfolger Theodor wieder zum Despoten Michael Angelus übergingen und den nicäaischen Statthalter aus dem Lande trieben. Unter dem Kaiser Michael Paläologus aber und seinem Sohne Andronicus, gegen welche die Fürsten von Joánnina nur mit Mühe ihre Freiheit vertheidigen konnten, traten die Albanesen neuerdings in die Reihe kaiserlicher Unterthanen. Wie aber die langwierigen Unruhen zwischen Andronicus und seinem Neffen die Ohnmacht des byzantinischen Reiches hinlänglich offenbarten, verschmähten die albanesischen Nomaden länger einem Volke zu dienen, welches weder sich, noch andere zu beschützen vermöge.

Zwar hatten die Albanesen in den früheren Zeiten hin und wieder Plünderungszüge gegen benachbarte Städte und Ortschaften im Vlachlande ausgeführt, und sogar eine Heeresabtheilung der großen Compagnie unweit Joánnina mit Verlust aus dem Felde geschlagen: sie zogen sich aber nach erlangten Vortheilen jedesmal in ihre Gebirge zurück. Allein vom Jahre 1333 an bemerkt man bei diesem Volksstamme von untreuer und neuerungssüchtiger Gemüthsart ein Streben, sich zu einer selbstständigen Nation zu erheben, und sich in Gegenden bleibend niederzulassen, welche sie bisher nur auf raubzügen flüchtig durchstrichen hatten. Plötzlich erhoben sie sich aus ihren Gebirgen, und überfielen die auf ihrem Gebiete gelegenen Schlösser und Städte der Griechen. Beligrad, Canína, Screpári, Clissúra und Timóri waren theils schon in ihrer Gewalt, theils heftig gedrängt, als Andronicus der Jüngere, Kaiser von Constantinopel, mit einem Heer erschien, dessen Fußvolk aus leichtgerüsteten türkischen Bogenschützen bestand, und die Aufrührer bis in die Schlupfwinkel ihrer Alpengebirge zu verfolgen, in welche sie sich beim Anzuge geordneter Heere zurückzuziehen gewohnt waren.

Diese in der Folge so gefürchteten Krieger wurden damals eine leichte Beute der türkischen Pfeilschützen. Theils aus Mangel an Waffen, theils auch aus Mangel an kriegerischer Uebung konnten sie sich selbst auf ihren heimischen Gebirgen gegen die Angriffe dieser unerschrockenen Veliten Anatoliens nicht vertheidigen. Eine große Anzahl Albanesen wurde getödtet, eine noch größere mit Weibern und Kindern von den Türken als Sclaven fortgeführt. Pferde sollen 5000; Rinder 300,000; Schafe aber mehr als 12,000,000 (?) erbeutet und theils im Gebirge zerstreut, theils an die Bewohner der geplünderten Städte, oder auch an die Ueberwundenen selbst, welchen der milde Andronicus schon verziehen hatte, um einen geringen Preis verkauft worden seyn.

Eben so fand Joannes Kantacuzenus noch Mittel, einen zweiten Aufstand dieses Volks in den thessalischen Gebirgen nach dem Tode des Kaisers Andronicus zu beschwichtigen.

Obwohl zweimal überwunden, setzten sie ihre Streifzüge in die Ebenen von Thessalien und in die weidereichen Thäler Akarnaniens mit gleichem Nachdrucke fort, und bildeten – mit Raub nicht mehr zufrieden – unter dem Scheine friedlicher Unterthanen allenthalben neue Niederlassungen. Sie fühlten es gleichsam, daß nun ihre Zeit gekommen sey von den Gebirgen herabzusteigen, um die verdünnte und zaghafte Bevölkerung von Neu-Griechenland zu ergänzen und zu kräftigen. Diesem allgemeinen, durch die Lage der Dinge selbst aufgeregten, Drange zu widerstehen, war nach dem Ausbruche des schon oft erwähnten Bürgerkriegs zwischen den Häusern Kantacuzenus und Paläologus zu Constantinopel kein Mittel mehr vorhanden. Sie empörten sich zum dritten Mal allgemein, plötzlich, überall, zu gleicher Zeit.

Nicephorus Angelus, der letzte Sproße der Despoten von Arta oder Joánnina, hatte sich während der allgemeinen Verwirrrung zu Constatinopel aus seinem Wohnsitze in Thracien geflüchtet, und sein väterliches Erbtheil in Epirus wieder an sich gebracht. Beiläufig im Jahre 1347 machte dieser Fürst einen Versuch, die schon bis an den Aspropotamus (Achelous) in Acarnanien vorgedrungenen Nomaden Albaniens zu unterjochen, wurde aber ungeachtet seiner türkischen Hülfsschaaren beim Dorfe Achelous auf’s Haupt geschlagen, und mit seinem ganzen Heere vertilgt.

Von diesem Tage an bildeten die Albanesen ein selbstständiges Volk in Griechenland. Und der ganze Strich zwischen dem Flusse Drin und dem Gebirge Chimaera erhielt von nun an den Namen Albania im engern Sinne, während in der Folgezeit selbst Epirus, Aetolien und ein Theil von Thessalien und Macedonien unter der Bennenung Albania oder Arnautenland im weitern Sinne begriffen sind. Denn Guini de Spata, einer ihrer berühmtesten Anführer aus jener Zeit, eroberte die ganze Provinz Alt-Epirus, oder das Despotat mit seinen beiden Hauptstädten Arta und Joannina, und drang im Bunde mit dem Slavenfürsten von Salona bis Angelokastro in Aetolien vor, während zur gleichen Zeit Balza, ein andrer Feldherr auf der Nordseite Durazzo, Canina, Beligrad und Kastoria in Ober-Macedonien besetzte.

Wenn sie auch ihre Herrschaft in den Städten und Ebenen außerhalb ihrer alten Gebirgsheimath über das Ende des vierzehnten Jahrhunderts hinaus nicht behaupten konnten, so blieben sie doch in großer Zahl, als Nomaden oder Ackerbauercolonien in allen benannten Ländern zurück. Im Norden unterjochte der große Serbenkönig Stephan mehrere ihrer Cantone und gab sie als Morgengabe seiner Tochter an den griechischen Kaiser Kantacuzenus.

Nach seinem Tode eroberten sie unter Balza über seine vielen und schwachen Nachfolger nicht nur alles Verlorne wieder, sondern unterjochten auch noch die ausgedehnte Landstrecke zwischen dem Drinflusse und den Mündungen des Kattaro, mit den wichtigen Städten Skutari, Dulcigno, Antivari und Trebigne. Sie waren das Schrecken der Serben, Bosnier und Bulgaren bis zum Jahr 1383, in welchem ihnen Sultan Murad I. bei Beligrad, in ihrem eigenen Lande, eine große Niederlage beibrachte, die tapfersten ihrer Häuptlinge erschlug, und Karl Tocco, der neue Palatin von Zante und Cephalonien, ihnen die Herrschaft über Akarnanien und Alt-Epirus wieder abnahm.

Dessen ungeachtet blieb Albanien von jenen Zeiten an das allgemeine Rüsthaus, aus welchem Griechenlands Fürsten nicht nur ihre Kriegsmacht, sondern auch Einwohner und Bebauer aller durch Krieg und Elend verödeten Dörfer und Ländereien zogen.

Um ein großes Volk zu werden, und als Eroberer aufzutreten, wie einst die Macedonier, ihre Nachbarn, schien den Albanesen nichts zu fehlen, als ein Mann aus ihrer Mitte, welcher die zerstreuten Kräfte seiner Landsleute auf einen Punkt zu sammeln, und die Herrschaft der Stammhäupter dem Willen eines Einzigen unterzuorden verstanden hätte. Wenn die großen und kräftigen Feldherrn, welche sich um eben diese Zeit unter den osmanischen Türken nach einander erhoben, den Albanesen zu Theil geworden wären, müßte der Besitz der Dinge in jenen Ländern gleichfalls diesen letztern zugefallen seyn. So aber schien der Geist, welcher die Welt regieret, die Albanesen als dauerhafte Werkzeuge in die Hände der Osmanen gelegt zu haben, um mit ihrer Hülfe den riesenhaften und selbst in seinen Ruinen noch erstaunungswürdigen Bau der griechischen Bildung völlig aus seinen Grundfesten zu reißen.

Bis zu ihrer gänzlichen Unterjochung durch die Türcken nach Skanderbegs Tode (1467) und ihrer allmähligen Bekehrung zum Islam, sind noch an die hundert Jahre und darüber verflossen. In dieser langen Zeit hatten sie sich über alle Provinzen des innern Griechenlands ergossen, und als die einzige Widerstand leistende Bevölkerung eben so lange eine Schutzmauer gegen den Strom türkischer Knechtschaft und Barbarei gebildet.

Der erste Griechenfürst, von welchem wir nachweisen können, daß er albanesische Söldner und Colonisten unter entfernte Himmelsstriche verpflanzt habe, ist Manuel Kantacuzenus, Despot von Mistra. Haben wir nicht im vorigen Capitel bemerkt, daß er mit Hülfe einer Schaar Albanesen seine aufrührerischen Archonten bändigte; daß Albanesen seine Leibwache bildeten, und die Hut der Burgen von Monembasia und Mistra gleichfalls Kriegern dieser Nation anvertraut war?

Manuels Vater bemerkt auch, daß dieses Volk seinem Hause besonders anhing, und sich lange bemühte, die Unbilden zu rächen, die er von seinen Gegnern erlitten haben wollte. Aus den damaligen Umständen ist diese Anhänglichkeit indessen auch ganz natürlich zu erklären, indem die Partei Kantacuzenus als die unterliegende den Schutz der kriegerischen Nomaden durch reichlichere Bewilligungen an Ländereien, Geschenken, und Rechtsamen zu erkaufen genöthigt war, als der legitime Besitzer des Thrones zu verleihen jemals geneigt seyn konnte.

In der Gegend von Veligosti und im Rufia-Thale, von Nikli stromabwärts gegen Karitena und den Canton von Skorta hin, wies Manuel den Albanesen ihre Ländereien an, in der doppelten Absicht, die die liegenden Aecker wieder zu bebauen, und als Gränzmiliz gegen die Franken von Achaia zu dienen. Im Jahre 1391 finden wir diese Colonien um Londari und Tabia im Kanton Skorta schon so mächtig, daß sie ein bedeutendes Heer in’s Feld stellen konnten. Die Frage, wie und wann Albanesen in jenen Mittelpunkt der moraitischen Halbinsel gekommen seyen, ist nun von selbst entschieden. Vor dem kantacuzenischen Bürgerkriege konnten sie nicht dahin kommen, weil ihre Wanderungen aus dem Pindus und von den Quellen des Drinflusses nicht vor dem angedeuteten Zeitpunkte begannen und beginnen konnten, da ihnen die Despoten von Arta und die große Compagnie den Weg nach Morea verlegt hatten.

Nachdem sie aber um 1330 die Catalonier bei Sardichi unweit Joánnina, und um 1347 den Despoten von Arta selbst am Aspropotamos überwunden und getödtet hatten, waren sie mit ihren Heerden und Gezelten bis an die Schwelle der moraitischen Lünder vorgedrungen, und begleiteten dann im Jahre 1349 den jungen Manuel Kantacuzenus nach Mistra. Die gefährliche Lage des neuen Statthalters mitten unter treulosen Archonten, feigen und verrätherischen Unterthanen nöthigte ihn bald, die Fremdlinge in größern Massen hereinzuziehen zum Schutze seiner Person und des Landes. Daß diese Annahme nicht willkürlich sey, beweiset eine Stelle bei Theodor Spandugino ohne Widerrede. Um den häufigen Empörungen die Quelle abzuschneiden, erzählt der angezogene Autor, habe Manuels Vater, der Kaiser Johann Kantacuzenus, aus jenem Theil Albaniens, welchen ihm der Serben-König Stephan überlassen hatte, den einflußreichsten und unruhigsten Theil der Bevölkerung nach Morea verpflanzt. Und daß diese Uebersiedelung nicht etwa nur einige vornehme Personen, oder eine kleine Anzahl Familien getroffen habe, wird aus dem Beisatze des nämlichen Spandugino klar, wenn er die Schwäche Nordalbaniens und seinen endlichen Ruin jener gewaltsamen Friedensmaßregel des Kantacuzenus beimißt. Die Ortschaften Tabia und Londari werden bei dieser Gelegenheit das erste Mal genannt; letzteres ist in der Nähe des zerstörten Veligosti, ersteres aber hinter den Bergen von Tripolitza, am obern Laufe des Barbutzena von den eingewanderten Albanesen neu angelegt worden.

Wenn die zahlreichen in Griechenland eingewanderten Colonien Albaniens gleich den Slaven, ihren Vorgehern, die angeborne Sprache mit der neugriechischen jetzt schon vertauscht hätten, wie es wahrscheinlich im Laufe der Jahrhunderte noch geschehen könnte, so würden die Gegner meiner ganzen über Neu-Griechenland aufgestellten Lehre einer albanesischen Einwanderung auf griechischen Boden um so leichter ihren Glauben versagen, da diese neuen Eindringlinge, als Religions- und Regierungs-Genossen der griechisch Redenden, auf die Benennung geographischer Gegenstände nicht denselben alles zerstörenden Einfluß wie früher den Slaven ausgeübt haben. Auch wenn Phrantzes sagt: die eine Hälfte des peloponesischen Bodens sey zu seiner Zeit wirklich von den Albaniern besetzt gewesen, und die andere Hälfte hätten sie theils mit Waffengewalt, theils durch Unterhandlungen mit Sultan Muhammed II an sich zu reißen gesucht, so würden die nämlichen Gelehrten von den eben angezogenen Stellen aus Chalkokondylas, Spandugino und Phrantzes eben dieselbe Erläuterung geben, wie bei den Nachrichten des Evagrius, Constantin Porphyrogeneta, des Scholiasten zu Strabo und des Patriarchen Nikolaus über die Besitznahme des Peloponneses durch die Slaven, nämlich: “es seyen dieses nur allgemeine Behauptungen, die man in der Anwendung beschränken müsse, Behauptungen, die gemeiniglich mehr für die mangelhafte Kenntniß oder Nachlässigkeit der Schriftsteller, als für Wahrheit und Genauigkeit ihrer Aussagen zeugen.” Unglücklicher Weise aber für diese manchmal mehr liebenswürdigen und gutmüthigen als scharfsinnigen Freunde der alten Griechensache haben die Bewohner der Platonischen Akademie und des gesammten Attika, die von Böotien, von Megaris, Korinth, Argolis, Hydra, Spezzia, Phlius und Inner-Morea Sitte, Sprache und Kleidung ihres Heimathlandes bis auf die gegenwärtige Stunde bewahrt. Jedoch, um den Blick nur auf den Peloponnes zu beschränken, glaube ja Niemand, der Zudrang der Albanier nach der Halbinsel habe mit Kantacuzenus Abtreten vom Schauplatze wieder aufgehört, habe nur etwa aus kleinen Abtheilungen, oder gar nur aus wenig zahlreichen Soldhaufen mit Belassung der Familien im Heimathlande bestanden. Eine merkwürdige Nachricht, wie andauernd und in welchen Massen diese albanesische Fluth über den Isthmus gedrungen sey, hat sich in der Leichenrede des Paläologen Theodor, Kantacuzen’s Nachfolgers, in der Statthalterschaft von Mistra (1380-1407) erhalten. Bei zehntausend Illyrier, d. i. Albanier, heißt es daselbst, haben durch Theodor Paläologus Wohnsitze im Peloponnes erhalten, und diese zehntausend haben auch ihre Weiber und Kinder, ihren Hausrath und ihr Vieh ins Land gebracht.

Wenn man bedenkt, daß alle Albaneser-Familien, die unter der Verwaltung des Manuel Kantacuzenus und Theodor Paläologus nach Morea kamen, in der Statthalterschaft Mistra, d. i. im Eurotas-Thale, im südlichsten Arkadien, in Tzakonien und gegen Argos hin untergebracht werden mußten, so kann man mit gutem Grund auf einen bedeutenden Grad von Verödung dieser aus Slaven, und auf der Ostseite vorgeblich von einigen Ueberbleibseln alter Hellenen bewohnten Districte schließen. Wenn man dazu noch bedenkt, daß vor und nach diesen Begebenheiten eine Zeit gewesen sey, in welcher auf der ganzen Halbinsel Peloponnes kaum 150,000 Individuen gezählt wurden, so sieht man leicht, wie es mit den Kenntnissen des Philosophen Plethon im fünfzehnten Jahrhundert, und seiner Nachtreter in unsern Tagen, wenigstens in diesem Theile der Weltgeschichte, beschaffen ist, wenn sie durchaus keine bedeutende und wesentliche Verwandlung der Bewohner des Peloponneses zugestehen wollen.

Die Gemüthsart der Eingewanderten verläugnete sich übrigens auch im neuen Vaterlande nicht. Unterwürfig, so lange sie noch schwach waren, erhoben sie kühn ihr Haupt nach dem Tod ihres Wohlthäters Manuel, durch dessen milde Pflege sich mit der Zahl zugleich die Stärke der Colonisten gemehrt hatte, wie wir in der Folge weitläufiger zeigen werden, und zum Theil eben angedeutet haben.

Unter den fränkischen Häuptlingen auf Morea ahmte Rainerio Acciajoli zuerst dem Beispiele des Manuel Kantacuzenus nach.

Nerio (denn so ward der Name Kürze halber gesprochen und geschrieben) hatte, wie oben gesagt, Burg und Gebiet von Vostitza von der Fürstin Maria Bourbon käuflich an sich gebracht. Wenige Jahre später wurde ihm durch Peter von San-Superano, Mariens Statthalter und Viceregent zu Clarentza, auch noch die Castellanie von Korinth erblich und mit dem Vorrechte verliehen, sie zu verschenken, zu verkaufen, und auf jede beliebige Art theilweise oder im Ganzen zu veräußern, jedoch unter dem Vorbehalte der Huldigung für den Fürsten von Achaja. Ein großer Theil von Alt-Achaja, die Gebiete der alten Republiken Pallene und Phlius, alles Land am Isthmus, und das ehemalige Gebiet von Argos bis in die Gegend von Epidaurus und Trözene, der Insel Hydra gegenüber, gehorchten dem neuen Castellan von Korinth. Wenige Gegenden Morea’s waren aber auch so vollständig verheeret, wie die eben benannten. Sie waren vorzugsweise der Tummelplatz der gelandeten Türkenhaufen und der Catalonier von Athen. Dörfer ohne einen einzigen Bewohner, wie z. B. Poscarinion, und Ländereien ohne Anbau konnte man auf dieser ausgedehnten Erdstrecke häufig finden. Außer den festen Plätzen und der nächsten Umgegend war keine Sicherheit der Personen und des Eigenthums. Kein Jahr verging, ohne daß türkische oder fränkische Abenteurer im korinthischen Meerbusen landeten, und irgend eine Gegend des vielgetheilten und folglich unbeschützten Eilandes verwüsteten.

Graf Ludwig von Beaumont, ein Sohn Königs Philipp IV von Navarra, hatte sich mit der Erzherzogin Johanna von Durazzo vermählt, und vorläufig einen Trupp von 600 in Gascogne geworbenen Soldaten aus Italien nach Durazzo geschickt, denen er bald mit größeren Streitkräften zu folgen, und dann seine Eroberungen über die umliegenden Länder der Albanier und Slaven auszudehnen gedachte. Wie er aber noch vor dem Beginnen seiner weitläufigen Entwürfe in Apulien Todes verblich, i. J. 1373, griffen die Gascogner von Durazzo auf eigene Rechnung die Häuptlinge in Nordalbanien an, und machten sich in kurzer Zeit furchtbar. Der Arnauten-Häuptling Balza (Balsch), welcher sie in Durazzo belagerte, wurde geschlagen, und konnte sie nur durch Ausbezahlung von 6000 Gold-Dukaten zur Räumung jenes Platzes bewegen. Sie schifften sich ein und segelten auf neue Abenteuer gegen das südliche Griechenland. Zu Vostitza auf Morea stiegen sie ans Land, eroberten das Schloß und streiften über Korinth bis in das Gebiet der großen Gesellschaft. In einem so schwankenden Zustande waren die Dinge allenthalben, daß dieser Haufe von 600 entschlossenen Räubern beinahe eine allgemeine Umwandlung des Besitzes und der Herrschaft in jenen Gegenden Griechenlands zu bewirken vermochte. Will man dem Athenäer Chalcocondylas glauben, eroberten sie sogar die Städte Athen und Levadia über die Catalonier, und konnten von dem Statthalter Vicomte de Roquebertin nicht eher als im Jahre 1382 mit Hülfe albanesischer und sicilischer Streitkräfte aus dem Herzogthum vertrieben werden.

Von diesem vorübergehenden Ungewitter würde hier keine Meldung geschehen seyen, wenn nicht Nerio von Korinth und die große Gesellschaft von Athen durch dasselbe veranlaßt worden wären, albanesische Militärcolonien nach Attika, nach Argolis, in die Castellanie von Korinth und in die Gebirgsthäler längs dem korinthischen Meerbusen zu verpflanzen. Daß die Albanesen in jenem Kriege dem Castellan von Korinth und dem Statthalter von Athen zu Hülfe gezogen seyen, ist urkundlich erwiesen, nicht aber, daß ihre Niederlassungen in den besagten Gegenden gerade in den Zwischenjahren von 1373 bis 1382 gegründet wurden. Die Sache selbst hat aber dessen ungeachtet ihre Richtigkeit, wenn sie auch in den Monumenten jenes Zeitalters nicht mit der nämlichen Klarheit angegeben wird, wie kurz vorher die Einwanderung derselben Fremdlinge in den byzantinischen Antheil von Morea. Denn wenige Jahrzehnte später finden wir jene Gegenden von Colonien des besagten Volkes gleichsam überschwemmt, und im Kampfe gegen die ersten Einfälle türkischer Heere unter Bajazid und Murad I auch durch albanesische Wafffen allein beschirmt und vertheidigt.

Nerio hatte menschenleere Dörfer, brachliegende Felder, viele Feinde und keine Soldaten. Die Albanesen in vollem Triebe suchten Land, Krieg und Beute. Jedermann, welcher über die moraitischen Angelegenheiten, über die Mannichfaltigkeit seiner Bevölkerung, Sitten, Gebräuche, Sprache und Wohnhäuser hinlänglich unterrichtet ist, weiß, daß die Bewohner der alten Staaten von Korinth, Argos, Epidaurus, Hermione, Sicyon und des ganzen Gebirgszuges von Phlius bis gegen Patras in der Hauptsache auch heute noch Arnauten sind, welche ihre Muttersprache in wenigen Gegenden mit dem Neugriechischen vertauscht, und nur in den nun wiederholt zerstörten Städten Korinth und Argos, mit griechisch redenden Leuten sich vermischt haben.

Wenige Jahre nachher brachte der unternehmende Castellan von Korinth den größten Theil der durch innere Kriege verwirrten und von Sicilien nicht ferner unterstützten Länder der großen Gesellschaft an sich, und dehnte das albanesische Colonisationssystem auch über Attika und Böotien aus, wo sich dieses Volk bis auf den heutigen Tag rein und unvermischt erhalten hat, etliche Dörfer in Böotien und die beiden Städte Theben und Athen ausgenommen, deren Bevölkerung beim Ausbruche des letzten Aufstandes ein Gemisch aus allen vier Himmelsgegenden war, in welchem jedoch das albanesische Blut als wesentlicher und in den untern Classen überwiegender Bestandtheil hervorragte. Im gegenwärtigen Augenblick ist Athen, die Hauptstadt des neuen Königreiches, noch viel albanesischer als vor dem Aufstande, weil die albanesische Bevölkerung nach Austreibung der verhaßten und gefürchteten Osmanli jetzt in großen Haufen vom Land in die Stadt eingedrungen ist, so daß man daselbst ein abgesondertes Tribunal errichten mußte, um diesen nicht griechisch redenden Bürgern von Athen auf Albanesisch Recht zu sprechen.

 


[Ausschnitt (ohne Fußnoten) aus Jakob Philipp Fallmerayer, Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters, Zweiter Theil (Stuttgart 1836), S. 240-263.]

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Deutscher Historiker Jakob Philipp Fallmerayer (1790-1861), Foto aufgenommen im Jahre 1860.